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Mikroskopische Endodontie 5 | Alles auf Anfang – die Revision einer Wurzelkanalbehandlung

Mikroskopische Endodontie 5 | Alles auf Anfang – die Revision einer Wurzelkanalbehandlung

Wenn ein bereits wurzelkanalbehandelter Zahn nicht richtig heilt, oder wenn Monate oder gar Jahre nach der ersten Prozedur wieder Entzündungen im Wurzelbereich auftreten, liegt das gewöhnlich an einer bakteriellen (Neu-) Infektion des Wurzelkanalsystems. Das Problem kann verschiedene Gründe haben. In den meisten Fällen ist eine fachmännisch durchgeführte Revision der Behandlung erfolgversprechend.

Der Fluch der Statistik

Manchmal ist bei der Erstbehandlung eindeutig etwas schief gegangen – zum Beispiel, wenn Kanäle nicht bis zur Wurzelspitze aufgearbeitet wurden. Vielleicht wurde eine Kanalverzweigung verpasst, oder die Kanalfeilen haben eine Biegung eines Kanals nicht perfekt mitgemacht, so dass Reste von organischem Material an den Kanalwänden verblieben sind. Selbst bei einer gewissenhaft nach allen Regeln der Kunst durchgeführten Wurzelkanalbehandlung kann der Fluch der Statistik zuschlagen. Die Erfolgsrate von Wurzelkanalbehandlungen mit modernen Methoden erreicht heute über 95 Prozent – aber es bleiben eben immer noch drei oder vier rote Prozentpunkte…

Vielleicht ist aber auch die Restauration der Zahnkrone porös geworden, so dass mit dem Speichel erneut Bakterien in das Zahninnere eingedrungen sind. Auch der Verlust der Krone oder Füllung eines wurzelkanalbehandelten Zahns gilt als Risiko: Liegt der Zahn nur ein paar Tage “offen”im Mund, kann es bereits zu einer Neuinfektion des Kanalsystems kommen.

Weiterhin ist ein wurzelkanalbehandelter Zahn natürlich auch nicht immun gegen Karies: Vielleicht gibt es neue, tiefe Kariesläsionen, die die Wurzelkanäle wieder kontaminiert haben. Letztlich kann auch eine Fraktur des Zahns die Ursache der neuen Probleme sein.

Ähnliche Erfolgschancen wie die Erstbehandlung

Lediglich bei Frakturen und bei weit fortgeschrittenem Schwund des Kieferknochens rund um die Zahnwurzel hat der infizierte Zahn kaum eine Chance auf Rettung. Hier bleibt meist nur die Extraktion. Wächst eine echte Zyste an der Wurzel, muss die Wurzelspitze durch einen Kieferchirurgen gekappt werden: Die Erfahrung zeigt, dass solche Zysten ohne Wurzelspitzenresektion leider immer wieder neu wachsen. Alle anderen Probleme aber können in einer Revisionsbehandlung adressiert werden.

Die Revision einer insuffizienten Wurzelfüllung ist noch einmal eine etwas größere Herausforderung als eine erste Wurzelkanalbehandlung. Trotzdem hat sie unter den Händen eines erfahrenen Endodontologen ganz ähnliche Erfolgschancen.

Die Revisionsbehandlung beginnt mit einer gründlichen Diagnostik: Eine Röntgenaufnahme des Zahns zeigt bereits, ob Wurzelkanäle eventuell nicht bis zur Spitze gefüllt wurden, an welcher Wurzel es Anzeichen einer aktiven Entzündung gibt und ob neue tiefe Kariesläsionen erkennbar sind.

Eine Materialschlacht mit guten Erfolgschancen

Dann läuft die Revision eigentlich wie die ursprüngliche Wurzelkanalbehandlung ab – mit dem Unterschied, dass im ersten Arbeitsschritt der gesamte künstliche “Zahninhalt” komplett entfernt werden muss.  Dazu gehört der Abbau von Kronen oder Stiftkronen und das Ausbohren der Füllung aus der Pulpakammer. Dann wird unter Zuhilfenahme von Chloroform als Lösungsmittel die alte Guttapercha-Füllung aus den Wurzelkanälen eliminiert.

Nach diesem ersten Schritt wird der behandelnde Endodontologe mit dem Operationsmikroskop besonders gründlich nach möglicherweise in der ersten Behandlung übersehenen oder nicht bis zum Ende aufgearbeiteten Kanälen, ungewöhnlichen anatomischen Strukturen und Präparationsfehlern (Stufen in den Kanalwänden) suchen. Diese werden nun mit feinen und feinsten Feilen mechanisch aufgearbeitet.

Im dritten Schritt folgt die chemische Aufbereitung des nun komplett freigelegten Kanalsystems. Eine Spülung mit verdünntem Natriumhypochlorit (aka Bleiche) rückt dem bakteriellen Biofilm an den Kanalwänden zuleibe: Sie tötet 98 Prozent aller Keime und löst auch die Lipopolysaccharidmatrix auf, die das Gerüst solcher hartnäckigen Bakterienbeläge bildet. Die dann folgende Spülung mit Chlorhexidinlösung schafft zusätzliche Sicherheit durch die nachgewiesen gute Wirksamkeit gegen spezielle Keime, die gegen Natriumhypochlorit resistent sein können (solche Keime finden sich in Revisionsfällen häufiger).

Im vierten Schritt wird  mit einer Editinsäurelösung gespült. Diese schwache Säure (Sie wissen ja, Dentin ist säureempfindlich) raut das Dentin im Zahninnern ein wenig auf. Das vergrößert die effektive Oberfläche der Kanalwände und verbessert dadurch die Haftung des Füllmaterials. Zur Trocknung des Kanals dient eine hochprozentige Alkohollösung: Die Alkoholmoleküle “drängeln” Wasser aus den winzigen Hohlräumen des Kanalsystems. Dann lässt eine Luftdusche das Wasser und den leichter flüchtigen Alkohol komplett verdunsten.

Ende gut, alles gut

Schließlich wird das Kanalsystem mit einer Kombination aus einem fließfähigen Sealer und Guttaperchapaste gefüllt. Großen Wert wird Ihr Behandler dabei auf einen dichten Verschlusspfropf am unteren Ausgang der Wurzelkanäle legen.

Nun ist der Zahn so keimfrei, wie er eben sein kann – und verbliebene versprengte Bakterien finden keine Nahrung mehr vor. Jetzt wird der Körper mit der noch verhandenen Entzündung rund um die Wurzelspitze allein fertig. Entzündungsherde verschwinden und der Knochen remineralisiert sich wieder vollständig – und zwar in der Regel  innerhalb von drei bis sechs Monaten.

Zahn geheilt – Konto leer?

Die Revisionsbehandlung einer insuffizienten Wurzelfüllung ist leider keine Kassenleistung. Zum Vergleich: Die Kosten entsprechen etwa den Gesamtkosten für die Überkronung eines vitalen Zahnes, wobei der Arbeits- und Materialaufwand für eine Revision tatsächlich um einiges höher ist.

Unerfreulich, keine Frage. Nüchtern betrachtet ist der Zahnerhalt trotzdem die günstigere Lösung: Die Kosten für Implantat oder Brücke, die nach dem Ziehen des Zahns anfallen würden, belaufen sich auf das zwei- bis dreifache. Außerdem haben Sie Ihren Zahn noch – höchstwahrscheinlich für viele Jahre. Und das ist für einen Zahn, der eine weitgehend intakte Oberfläche und Substanz hat, von gesundem Zahnfleisch umgeben ist und fest im Knochen steckt, ganz unabhängig von Kosten und Aufwand immer ein Happy End.


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