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Karies und Schmelzerosion – zwei Seiten einer Medaille

Karies und Schmelzerosion – zwei Seiten einer Medaille

Wissen Sie, was Hydroxylapatit ist? Nein? Die kristalline Verbindung aus Calcium-, Phosphat- und Hydroxylionen ist der mineralische Grundstoff unserer Zähne (und der Knochen). Zahnschmelz besteht zu 95 Prozent aus Hydroxylapatit, Dentin zu 70 Prozent.

Hart wie Stein – aber ständig im Fluss

Hydroxylapatit ist hart wie Stein. Aber Sie dürfen sich einen Zahn deswegen nicht so inert wie einen Granitbrocken vorstellen. Im wässrigen Milieu der Mundhöhle ist der Schmelz an der Zahnoberfläche ständig in einem fließenden Gleichgewicht: Kleinste Mengen Hydroxylapatit  lösen sich im Speichel, kleinste Mengen Calcium, Phosphat und Hydroxylionen lagern sich als Hydroxylapatit neu am Zahn an.

Säureempfindliches Hydroxylapatit

Das Problem mit diesem Fließgleichgewicht ist, dass es von Säuren beeinflusst wird. Sowohl die von Kariesbakterien aus Zucker gebildeten sauren Stoffwechselprodukte als auch die Säuren, die wir mit Obst, Salatdressing  oder Getränken aufnehmen, lösen den Zahnschmelz auf. Wie? Die Wasserstoffionen der Säuren verbinden sich mit den Hydroxylionen des Hydroxylapatits zu Wasser (die klassische Säure-Base-Neutralisierungsreaktion). Das Fehlen der Hydroxylionen im Gleichgewicht hemmt die Schmelz-Regeneration: Im sauren Milieu zerfällt mehr Schmelz als neu gebildet wird.

Karies und Schmelzerosion sind durch Säuren verursachte Schmelzdefekte

Die im Mikromilieu der Plaque-Schicht lebenden Bakterien produzieren Säuren, die lokal hochkonzentriert an der Zahnoberfläche wirken und vom Speichel kaum erreicht und neutralisiert werden können – so entsteht das Krankheitsbild der Karies.

Die Säuren der Nahrung wirken im gesamten Mund, werden aber vom Speichel verdünnt und neutralisiert, und es kommt bald nach der Mahlzeit zur Regeneration von Hydroxylapatit. Wer allerdings seine Zähne ausdauernd in Softdrinks “badet” oder aus anderen Gründen über längere Zeit ein zu saures Mundmilieu hat, riskiert Schmelzerosion, den permanenten Verlust von Schmelzsubstanz.

Und wer nach einer sauren Mahlzeit gleich seine Zähne putzt, fördert Schmelzabrasion, die mechanisch verstärkte Variante der Erosion. Die von Säuren “angeknabberte” Schmelzoberfläche ist löchrig und weich, und die Zahnbürste kann leicht die Strukturen abtragen, an denen neues Hydroxylapatit wieder Halt finden könnte.

Karies ist auf dem Rückzug, Schmelzerosion und -abrasion auf dem Vormarsch

Auch wer es mit dem Putzen gar zu gut meint, muss sich eventuell bald vom Zahnarzt auf Schmelzabrasion hinweisen lassen.

Gerade am Schmelzverlust durch übertriebenes Putzen sind Zahnärzte nicht ganz schuldlos – fünfmal täglich fünf Minuten Putzen erschien auch den meisten Mitgliedern der Zunft noch bis vor kurzem als eine applaudierenswerte Anti-Karies-Strategie … bis Patienten mit kariesfreien Zähnen, aber seltsam ausgedünntem Zahnschmelz in den Ordinationen auftauchten. Heute wird Ihnen jeder gut informierte Zahnarzt auch beim Putzen zur Moderation raten: zwei- oder dreimal täglich zwei Minuten sollten genügen. Und nach den Mahlzeiten eine halbe Stunde mit dem Putzen warten.

Fluoridprophylaxe

Die Lösung, die man in vielen Kulturkreisen der Welt gefunden hat, um das Kariesrisiko zu senken, heißt Fluorid. Das Mineral härtet den Zahnschmelz und sollte damit strenggenommen auch der Schmelzerosion entgegenwirken … allerdings putzen fast alle Patienten heute mit fluoridhaltiger Zahncreme. Diese gute Gewohnheit hat Karies ohne jeden Zweifel viel seltener gemacht, aber Schmelzerosion nicht verhindern können. Mit fluoridhaltigen Zahncremes beschäftigt sich mein nächster Beitrag.

Kann Hydroxylapatit eine Fluorid-Alternative sein?

In Japan setzt man auch auf eine alternative Strategie: Dort haben Zahncremes mit Hydroxylapatit seit Jahrzehnten einen gewissen Marktanteil, und die japanische Regierung stuft medizinisches Nano-Hydroxylapatit ganz offiziell als Anti-Karies-Wirkstoff ein.

Zahncremes mit Hydroxylapatit tauchen in den letzten Jahren auch auf dem europäischen Markt auf. Diese Produkte haben hier keinen leichten Start. Nach dem Motto “Kein Fluorid? Taugt nichts!” zweifeln Zahnärzte und Forscher ihre Wirksamkeit an. In einem weiteren Beitrag werde ich der Frage, ob eine Zahncreme mit Hydroxylapatit ein Ersatz für eine fluoridhaltige Zahncreme sein könnte, vorbehaltsfrei nachgehen.

(Foto: © Maksym Poriechkin, shutterstock.com)


Siehe auch: Natriumfluorid, Aminfluorid, Zinnfluorid – alles dasselbe? | Wie entsteht Karies?Fluorid: Gift oder Hilfe für die Zähne? | Zahnbelag: Lektionen aus der Biofilm-Forschung | Schluss mit dem Biofilm auf Zahnfüllungen, Rekonstruktionen und Prothesen?

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