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Schmelzreparatur durch nano-Hydroxylapatit – eine vorsichtige Empfehlung

Schmelzreparatur durch nano-Hydroxylapatit – eine vorsichtige Empfehlung

Die Hersteller von Zahncremes mit nano-Hydroxylapatit (nano-HA) versprechen, dass ihre Produkte Schmelzdefekte durch Initialkaries oder Erosion reparieren können, dass sie sensiblen Zähnen helfen und besonders gut Plaque entfernen. Die Produkte enthalten nanokleine Kristalle des Schmelzminerals Hydroxylapatit, die sich an die Zahnoberfläche anlagern sollen.

Was Kritiker sagen

Neben der naheliegenden Kritik wegen des Fluoridverzichts zum Beispiel von BioRepair wird oft auch daran gezweifelt, dass die Nanokristalle so wirken wie versprochen. (siehe dazu diesen Beitrag)

Manche Kritiker formulieren eine Analogie aus der Makro-Welt: Wenn Sie einen Salzblock mit Salzkörnchen bewerfen, hat das überhaupt keinen Effekt. Was soll es also bringen, mit Hydroxylapatit-Körnchen auf der Zahnoberfläche herumzuputzen?

Hier muss man allerdings einwenden: Die Gesetze der Nano-Welt unterscheiden sich von denen der uns vertrauten Makro-Welt. Kräfte, die in der Makro-Welt zu klein sind, um irgendetwas auszurichten, können in der Mikro- und Nano-Welt durchaus eine Wirkung haben. Dass etwa Wasser in einem Rohr von allein hochsteigt, widerspricht jeder Erfahrung. Und doch passiert genau das in einer sehr dünnen Röhre: Der Effekt der Kapillarität hilft zum Beispiel Pflanzen beim Trinken. So ist es auch nicht ausgeschlossen, dass nano-HA an der Zahnoberfläche haftet, obwohl ein Salzkorn an einem Salzblock nicht hängenbleibt. Zumal im Speichel gelöstes Schmelz-Hydroxylapatit (spricht: Calcium und Phosphat) als eine Art “Kleber” wirken könnte.

Was die Forschung sagt

Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen … aber die zahnmedizinische Forschung interessiert sich lebhaft für die Möglichkeiten von nano-HA. Es gibt eine ganze Reihe von in-vitro- und einige wenige Feldstudien zum Thema.

Feldstudien: Effektiv gegen empfindliche Zähne, gegen Plaque nicht besser als Fluoridzahncreme.

Die Feldstudien sind noch klein (meist weniger als 100 Teilnehmer), relativ kurz und beschränken sich auf die Fragen, ob nano-HA gegen empfindliche Zahnhälse hilft und ob Plaque effektiv(er)  entfernt wird.

In mehreren Studien [u.a. 12 und 3] erwies sich Zahncreme mit nano-Hydroxylapatit als wirksam gegen überempfindliche Zahnhälse.

Zur Frage, ob nano-HA Zahncreme die Plaque-Bildung effektiver  als andere Zahncremes verhindert, äußert sich eine einzige Studie. In einem zwölfwöchigen Test mit Parodontitis-Patienten konnte hier kein Unterschied in der Wirksamkeit von nano-HA und Fluorid-Zahncreme festgestellt werden. Nano-HA Zahncreme ist also, was ihren Effekt auf die Plaque-Bildung angeht, ähnlich wirksam wie Fluorid-Zahncreme.

Eine ziemlich interessante Studie schloss sich an eine der Untersuchungen zum Einfluss von synthetischem Hydroxylapatit auf empfindliche Zahnhälse an: Einige der Studienteilnehmer, die acht Wochen lang mit nano-HA beziehungsweise Fluoridzahncreme geputzt hatten, mussten aus kieferorthopädischen oder anderen Gründen gesunde Zähne gezogen bekommen. Die Forscher ergriffen die Gelegenheit, sich diese Zähne unter dem Elektronenmikroskop genauer anzusehen – und präsentieren recht eindrucksvolle Bilder der Zahnoberflächen. Die der Probanden, die nano-HA Zahncreme verwendet hatten, wiesen großflächige, glatte Ablagerungen auf, die bei der Kontrollgruppe fehlten. Nach zusätzlichen Analysen folgerten die Studienautoren, dass es sich bei den Ablagerungen um das synthetische Hydroxylapatit handelte.

Das ist leider die einzige in vivo-Studie, die Aussagen über Remineralisierung versucht. Das liegt sicher daran, dass solche Effekte ohne Messungen, die nur an isolierten Zahnpräparaten durchgeführt werden können, fast unmöglich zu quantifizieren sind.

Zur kariespräventiven Wirkung von nano-HA Zahncreme lässt sich nach vier bis zwölf Wochen kaum etwas sagen. Damit bleibt diese Frage bislang unbeantwortet.

In-vitro Studien: Die Waage neigt sich Richtung “Wirksam”

Die typische in-vitro Studie setzt Präparate von menschlichen oder tierischen Zähnen Demineralisierung durch Säurebäder aus. Die Demineralisierung wird einmalig durchgeführt, um eine künstliche Initialkaries zu erzeugen, oder in regelmäßigen Abständen, um Mahlzeiten und Getränke zu simulieren. Dann untersucht sie den Effekt, den Bäder in verschiedenen, in Wasser aufgelösten Zahncremes auf den Zustand der Schmelzoberfläche haben. Dazu wird vor der Demineralisierung, vor und nach dem “Zähneputzen” eine Messung der Härte der Schmelzoberfläche durchgeführt (Erweichung der Oberfläche wird als Zeichen von Demineralisierung interpretiert). Oder die Oberfläche der Zähne wird unter dem Elektronenmikroskop betrachtet, die Rauigkeit der Oberfläche gemessen und/oder es werden Analysen vorgenommen, um Veränderungen in der chemischen Zusammensetzung des Schmelzes zu finden.

Unter den mittlerweile vorliegenden Studien finden Kritiker wie Anhänger von nano-Hydroxylapatit Daten, die ihre Auffassungen zu bestätigen scheinen. Hier haben wir eine Studie, die nano-HA Zahncreme bessere Remineralisierungseigenschaften bescheinigt als fluoridierter Zahncreme (AS). Hier ist eine, die beide Zahnpasten als gleich gut bewertet. Und hier ist eine Studie, in der nano-HA Zahncreme als vollkommen unwirksam eingeschätzt wird.

Eine schnelle Datenbanksuche unter allen wissenschaftlichen Veröffentlichungen der letzten fünf Jahre findet 16 Artikel, die sich mit dem Effekt von nano-HA auf demineralisierten Zahnschmelz in-vitro beschäftigen.  Davon kommt nur eine einzige – die oben verlinkte – zu dem Schluss, nano-HA sei ganz und gar unwirksam. Alle anderen bescheinigen den Hydroxylapatit-Partikeln in unterschiedlichem Maße Remineralisierungs-Wirksamkeit. Forscher, die die Schmelzoberfläche unter dem Elektronenmikroskop untersuchen, bewerten nano-HA besonders positiv.

In-vitro Studien sind mit Vorsicht zu genießen

In-vitro Studien haben immer ein Problem: Sie untersuchen Demineralisierung und Remineralisierung unter Bedingungen, die fast nie genau denen im Mund entsprechen (es sei denn, die Präparate werden zwischen den Behandlungen von Menschen im Mund getragen – das ist aufwändig, aber möglich).

Hier ist eine Untersuchung, die findet, dass nicht nur der Speichel (das ist ohnehin bekannt), sondern sogar der bakterielle Biofilm (=Plaque) auf den Zähnen die Wirkung von Zahnpasten beeinflusst. In den im verlinkten Artikel beschriebenen Versuchen bewirkte Fluoridzahncreme ohne, aber nicht mit Biofilm eine deutliche Remineralisierung. Nano-HA Zahncreme dagegen bewirkte ohne Biofilm eine leichte Remineralisierung, die sich bei Anwesenheit eines Biofilms noch verstärkte. Das ist zumindest ein Hinweis, dass unter unnatürlichen in-vitro Bedingungen gemessene Daten bei der Beurteilung der Effizienz einer Zahncreme mit Vorsicht zu genießen sind – und dass nano-HA Zahncreme unter realistischen Bedingungen vielleicht sogar noch besser wirkt als in-vitro.

Fazit

Zahncremes mit nano-Hydroxylapatit haben definitiv Potential. Eine ganz eindeutige Empfehlung kann auf Basis der Daten noch nicht ausgesprochen werden. Wenn Sie aber zum Beispiel morgens mit nano-HA Zahncreme und abends mit “normaler” Fluorid-Zahncreme putzen, verzichten Sie nicht auf den bewährten Kariesschutz – und können das Remineralisierungs-Potential der (etwa doppelt so teuren…) neuen Zahnpasta im Selbstversuch testen.


(Foto © sanneberg, shutterstock.com)

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